Facharbeit und Digitalisierung

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Serie Industrie 4.0 | Teil 4: Was bedeutet die Digitalisierung für Facharbeiter?

Ein Gastbeitrag von Klaus Mertens zum Thema Facharbeit und Digitalisierung.


Das System der dualen Bildung in Deutschland wird immer wieder als einer der zentralen Faktoren für den Erfolg des Exportweltmeisters genannt, wenn es darum geht, die Leistungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft zu begründen. Das personalisierte Ergebnis des dualen Systems ist der Facharbeiter bzw. die Facharbeiterin, der oder die in einer gesunden Mischung aus theoretischen Kenntnissen und praktischem Können ins Arbeitsleben startet.

Nun stellt sich in Zeiten der Digitalisierung, sicherlich die Frage danach, welche theoretischen Kenntnisse und welches praktische Können denn gefordert sein könnten. Viele Überlegungen führen dabei in die Irre, weil sie den Prozess der Digitalisierung immer von einem vermuteten Ende her denken, dem des totalen Verschwindens physischer Arbeiten, weil die von Robotern und Drohnen erledigt werden und dem Ende standardisierter Denkarbeit von der kaufmännischen Rechnungsprüfung über Zeichnungen anfertigen bis hin zur Rechtsprechung, die durch irgendwelche Apps abgewickelt wird. Bis dahin ist es allerdings noch ein weiter Weg und der Weg ist bekanntlich das Ziel. Wie also stellt sich die industrielle Wirklichkeit im Hier und Jetzt dar?

Da ist zunächst eine zunehmende Komplexität der Arbeiten, die den oder die Einzelne/n dazu drängt, über die engen Grenzen der Fachlichkeit hinauszudenken. So muss zum Beispiel ein Schlosser heute durchaus logistische Prozesse denken können, wenn er etwa die Grundlagen des digitalisierten Ersatzteilmanagements verstanden haben muss, um eine Reparatur und die dahinter liegenden Beschaffungsprozesse zu planen.

Hinzu kommt eine deutlich gestiegene Veränderungsgeschwindigkeit in Produkt und Prozess, die das Ausbilden von Routinen erschwert, aber Standards als Leitplanken braucht. Sich dieser Standards immer wieder vor dem Hintergrund neuer Herausforderungen zu versichern, ist eine notwendige Kernkompetenz zukünftiger Facharbeit, weil nur sie noch für USPs (Alleinstellungsmerkmal) sorgen kann. Diese USPs werden nämlich nicht im Marketing, sondern auf dem Shopfloor erzeugt.

Veränderungsgeschwindigkeit und Komplexität braucht Kreativität, Problemlösungstechnik und Kommunikation. Diese drei Kompetenzen sind die Befähiger zukünftiger Facharbeit, um mit den beiden großen Herausforderungen der Digitalisierung – Komplexität und Geschwindigkeit – umgehen zu können.

Das System dualer Ausbildung, das ja auch den Betrieben durchaus Handlungsspielraum bietet, um theoretische Kenntnisse und praktische Kompetenzen so weiterzuentwickeln, dass die scheinbar neuen Befähiger stärker in den Fokus von Ausbildung bzw. Weiterbildung rücken, ist die Aufgabe der Zeit, um die Digitalisierung zu meistern. Interessanterweise kommen Kreativität, Problemlösungstechniken und Kommunikation glänzend ohne Computer aus. Klingt komisch, ist aber so.

Klaus Mertens ist 1966 in Siegen geboren und hat dort Politikwissenschaften, Soziologie und Wirtschaftswissenschaften studiert. Er berät und begleitet innovative Unternehmensleitungen und Betriebsräte bei der Konzeption, Gestaltung und Umsetzung von Veränderungsprozessen sowie deren internen und externen Kommunikation.

2018-04-04T08:54:08+00:00 16.02.2018|Arbeitswelt|