„Digitalisieren ohne die Geisteshaltung zu ändern, führt in eine Sackgasse!“

Serie Industrie 4.0 | Teil 3: Digitalisierung in südwestfälischen Unternehmen

Schlagworte wie Digitalisierung und Industrie 4.0 sind fast allgegenwärtig. Auch in unserer Region. Beispielsweise beschloss die Siegener Industrie- und Handelskammer (IHK) jüngst Fördermittel zu bewilligen, um etwa junge Fachkräfte, die aus der Region stammen, jedoch weggezogen sind, davon zu überzeugen, dass sie hier sichere Arbeitsplätze und eine hohe Lebensqualität erwartet. Darüber hinaus sollen sogenannte Digital Scouts kleineren Unternehmen dabei helfen, die Chancen der Digitalisierung zu ergreifen. Wie weit sind Unternehmen in Südwestfalen in Sachen Digitalisierung und welche Vorteile bringt sie tatsächlich? Darüber haben wir mit Thorsten Junge gesprochen. Junge arbeitet als Berater für digitale Transformation und Unternehmenskommunikation für verschiedene Industrieunternehmen. Darunter mehrere namhafte Unternehmen aus Sieger- und Sauerland. 


Herr Junge, Sie sind Berater für digitale Transformation und Unternehmenskommunikation. Was verändert sich durch die Digitalisierung?

Die gesamte Arbeits- und Wirtschaftswelt verändert sich durch die Digitalisierung. Die Kommunikation beschleunigt sich, das Wissen steht überall zur Verfügung, Märkte verändern sich rasant und die Produktlebenszyklen verkürzen sich. Dadurch wächst natürlich auch der Druck auf die Unternehmen. Außerdem hat sich der Markt vergrößert, Märkte sind global geworden. Unternehmen stehen immer mehr vor dem Problem, Möglichkeiten der Differenzierung finden zu müssen, um überhaupt noch relevant zu sein. Deutsche Unternehmen müssen immer mehr dazu übergehen, innovativer zu werden. Es reicht nicht mehr, die Produktion effektiver zu gestalten, um im Preiskampf mitzubieten, weil es wird immer jemanden geben, der es günstiger anbieten kann. Das heißt, Unternehmen müssen heute darauf schauen, Produkte zu entwickeln, die innovativ sind, um wieder Alleinstellungsmerkmale zu haben.

Was genau ist dabei Ihre Aufgabe als Berater in den Unternehmen?

Um ein innovatives oder agiles Unternehmen zu werden, das sich schnell an Marktveränderungen usw. anpasst, brauche ich natürlich eine andere Unternehmenskultur. Das heißt, ich kann nicht von Mitarbeitern, die die letzten zwanzig bis dreißig Jahre auf Effizienz und Ressourcenoptimierung gedrillt wurden, plötzlich erwarten, dass sie innovativ und „auf der grünen Wiese“ denken. Das klappt nicht, weil da eine ganz andere Philosophie dahinter steht. Früher dachte man, um am Ende rentabel zu sein, müsse man seine Aufgaben möglichst schnell abwickeln. Und genau diese Verhaltensweise wird jetzt in Frage gestellt, wenn man etwas Besseres schaffen möchte, das den Markt erweitert, öffnet oder sogar ablösen könnte. Das ist natürlich ein kulturelles Problem. Meine Arbeit ist es, solche Themen in Unternehmen hereinzutragen. Das fängt häufig in der Kommunikation an, ist aber vor allem eine strategische Führungsaufgabe. Hierbei versuche ich Kommunikationsprozesse zu beschleunigen, um Reibungsverluste so gering wie möglich zu halten und Mitarbeiter miteinander zu vernetzen, die häufig in den üblichen Fertigungsprozessen nichts miteinander zu tun haben. Industrieunternehmen haben in der Regel bis zum fertigen Produkt linear ablaufende Produktionsprozesse. Will ich aber ein innovatives Produkt entwickeln, muss ich die Leute, die sonst in der Prozesskette schön hintereinander sitzen, in einen „Stühlchenkreis“ bringen. So kommen Denkprozesse in Gang, die es allen Beteiligten erleichtern Produkte in interdisziplinären Teams kundenzentriert zu verbessern.

Wenn es um Industrie 4.0 oder Digitalisierung geht, hat man den Eindruck, dass das gesamte Thema sehr technikgetrieben ist. Kann es sein, dass der Mensch, sprich die Mitarbeiter im Unternehmen, hier zu wenig berücksichtigt werden?

Absolut. Bei Industrie 4.0 fallen einige Dinge auf, die mich grundsätzlich stören. Erstens wurde sie 2011 auf der Hannover Messe als vierte industrielle Revolution ausgerufen. Wenn man jetzt allein von dem Begriff Revolution ausgeht, ist das schon mal sehr schwierig, diese im Vorfeld auszurufen. Es ist normalerweise Aufgabe der Geschichtsschreiber zurückzuschauen und zu bewerten, ob die Ergebnisse tatsächlich so revolutionär waren. Andersherum kann ich natürlich zu einer Revolution aufrufen, nur dann muss ich eine Vision mitgeben, für die es zu kämpfen gilt. Und die fehlt bei Industrie 4.0 völlig. Also, warum machen wir das Ganze? Warum vernetzen wir unsere Produktion und unsere Maschinen miteinander? Warum schieben wir Massen an Daten in die Cloud und werten diese aus? Wo ist der Sinn des Ganzen? Darum habe ich generell ein Problem mit dem Begriff Revolution.

„Wenn ich zu einer Revolution aufrufe, muss ich natürlich auch eine Vision mitgeben, für die es zu kämpfen gilt. Und die fehlt bei Industrie 4.0 völlig.“

Und auf technischer Seite? Was ist neu an Industrie 4.0?

Wenn man in den Jahren 2011 bis 2014 mit Zuständigen in den Unternehmen gesprochen hat, sei es aus der IT oder der Organisationsentwicklung, dann waren viele sehr verhalten beim Thema Industrie 4.0 und ich konnte mir das gar nicht so richtig erklären. Bis ich mit einem bereits etwas älteren Organisationsentwickler sprach, der mir sagte, dass wir das alles bereits in den Achtziger Jahren gehabt haben. Das nannte sich CIM (computer integrated manufacturing) und war im Grunde vom Konzept her genau das gleiche. Man hat bereits damals versucht, die ganzen Inselsysteme wie ERP-, PPS-, BDE etc. über CIM miteinander zu vernetzen. Das hat aus verschiedenen Gründen nicht geklappt. Computer waren noch nicht so weit, technische Standards fehlten, Netzwerke waren nicht performant und so weiter. Dennoch bedeutet das, dass wir von der Seite der geistigen Leistung her nicht wesentlich weiter denken als vor dreißig Jahren. Nur heute können wir die Ansätze von früher einfach umsetzen. Aber eine Antwort auf die Frage, warum wir das denn jetzt machen wollen, ist immer noch nicht da. Am Ende mag das eine technische Revolution sein, aber mir fehlt dabei einfach ein wenig die geistige Revolution. Wir brauchen Antworten auf die Fragen, wo etwa der Mensch in dieser ganzen Entwicklung ist , oder wie wir in Zukunft eigentlich arbeiten wollen. Wie sieht unsere zukünftige Arbeitswelt aus? Wie wollen wir als Gesellschaft leben? Wie wollen wir Familie und Beruf vereinbaren und so weiter. Das hängt alles miteinander zusammen. Hier sind wir in der Diskussion um Industrie 4.0 nicht weitergekommen. Es gibt Antworten auf technische Fragen, aber nicht auf solche, die den Sinn des Ganzen betreffen.

Das ist natürlich die eine Seite. Darüber hinaus ist durchaus auch vorstellbar, dass das Thema bei Fachkräften eher noch Unsicherheiten verursacht. Hier fehlt die Kommunikation, was sich für den Arbeitnehmer durch die Digitalisierung ändern wird, vielleicht auch, welche Vorteile er haben könnte.

Genau. Das Ganze ist ein sehr weitgreifendes Thema. Wenn ich nur sage, ich technisiere oder automatisiere bestimmte Abläufe im Unternehmen, fallen natürlich Arbeitsplätze weg. Das ist Fakt. Im Gegenzug werden aber auch ganz neue Arbeitsplätze geschaffen. Es werden schließlich mehr Leute gebraucht, die sich die Gedanken machen, also mehr intellektuelle Arbeitsplätze. Nur um die Leute, die bislang in der Produktion gearbeitet haben, dorthin zu bringen, muss das Bildungs- und Weiterbildungssystem auch nachziehen. Da müssen viele Dinge ineinandergreifen und dafür brauchen wir eine Vision der „Ziel-Gesellschaft“.

Es kann also nicht zielführend sein, wenn lediglich einzelne Unternehmen in ihrem Bereich digitale Transformation vorantreiben, wenn gesamtgesellschaftlich die Strukturen hierzu fehlen und nicht die nötigen politischen Entscheidungen getroffen werden.

Interessant ist in dem Zusammenhang, dass Industrie 4.0 damals aus einem Hightech-Konzept der Bundesregierung entstanden ist, um den Standort Deutschland zu stärken. In anderen Ländern gibt es das Thema Industrie 4.0 eigentlich gar nicht in dieser Art. Natürlich digitalisieren alle und nutzen Technologien, um Prozesse zu vereinfachen oder sicherer zu machen. Letztendlich müssen Unternehmen dennoch schauen, wie die Prioritäten liegen, weil wir mittlerweile das Problem haben, dass Deutschland seine Technologieführerschaft über die letzten Jahre immer mehr verloren hat. Die Technologieführer sitzen heute alle in den USA: Tesla, Google, Amazon, Apple usw. Und sie kommen plötzlich immer mehr in Branchen oder Teilbereiche herein, in denen wir Deutsche uns immer sehr sicher gefühlt haben. Tesla ist ja das klassische Beispiel: Automobilbau. Auch wenn Tesla Probleme hat, das Auto tatsächlich effektiv zu bauen und zu liefern. Was wir Deutschen bisher wiederum gut konnten. Aber letztendlich ist die geistige Kraft, die im Tesla steckt, wesentlich höher als das, was die deutschen Automobilbauer bisher in dem Bereich hinbekommen haben. Das heißt, die Technologieführerschaft wandert immer weiter in die USA und Deutschland wird quasi mehr zum Produktionsführer. Man mag sich nicht ausmalen, wie es gewesen wäre wenn Tesla damals mit seiner Vision dieses Autos zu einem deutschen Hersteller gesagt hätte: „Schraub mir das zusammen!“ Die wären mit Sicherheit unschlagbarer Marktführer gewesen.

Was machen aber Unternehmen wie Apple oder Google anders?

Dazu muss man sich anschauen, wie diese Unternehmen strategisch aufgestellt sind. Ich meine, was bringt etwa Apple dazu, sich plötzlich mit selbstfahrenden Autos auseinanderzusetzen? Welche Geisteshaltung steckt dahinter, zu sagen, ich habe Computer gebaut, dann Smartphones, Uhren und jetzt ein Auto? Und wer weiß, vielleicht morgen Krankenhäuser? Wie kriegt man das zusammen? Wie richte ich ein Unternehmen so aus, dass es sich so steil nach oben entwickelt?

Im Grunde dreht es sich doch um die Frage, wie wir in Zukunft leben wollen. Und wie wir digitale Produkte und Technologien einsetzen können, um das Leben einfacherer und sicherer zu machen.

Ja, absolut. Wenn wir bei Apple bleiben. Die haben sich das in den Neunziger Jahren klar auf die Fahnen geschrieben: „Think different.“ Der Sinn des Unternehmens ist es, das Bestehende in Frage zu stellen und zu verbessern. Das ist deren Credo, danach arbeiten sie. Das ist eine komplett andere Denkweise als sie etwa in den meisten mittelständischen Industrieunternehmen vorherrscht, die sich bislang vor allem über ihre Produkte definiert haben. Nehmen wir etwa einen Schraubenhersteller, der sich Zeit seines Bestehens nur darüber positioniert hat, dass er eben Schrauben produziert. Irgendwann bemerkte das Unternehmen, dass es noch viele andere Hersteller gibt, die genau die gleichen Produkte anbieten und vielleicht sogar zu einem günstigeren Preis. Hier wurde dann wichtig, wie das Unternehmen arbeitet, also welche Werte es lebt. Es begann ein Markenprozess. Nur, wenn man wie in unserer Region üblich ein in dritter oder vierter Generation geführter Mittelständler ist, wundert es nicht, dass sich auch die Werte häufig sehr ähneln. Und so kommt man zu der Frage, warum man eigentlich macht, was man macht. Wo wir wieder bei Apple wären. Ein Schraubenhersteller könnte statt in Schrauben dann in Verbindungen denken, also sich selbst als Unternehmen sehen, das Verbindungen schafft. So könnten sich im besten Fall ganz neue Märkte auftun.

Also heißt das im Endeffekt, bevor ich im großen Stil Prozesse digitalisiere, muss ich als Unternehmen erst einmal wissen, wofür ich das tun will und wo ich in Zukunft hin will. Es kann nicht die Motivation sein, eine smarte Produktion anzustoßen, nur weil es momentan das große Thema ist.

Letztendlich muss jedes Unternehmen für sich selbst entscheiden, ob eine Veränderung es überhaupt weiterbringt oder ob es sich damit eine Riesenbaustelle aufmacht. Für viele Unternehmen ist das eine recht einfache Rechnung, wenn sie zum Beispiel Maschinen im Bestand haben, die bereits abgeschrieben sind, und Profit erwirtschaften. Dem muss man eben den Nutzen einer neuen Investition erst einmal gegenüberstellen. Und den Aufwand darf man nicht vergessen, den diese neue Investition mit sich bringt, etwa Abbau der alten Anlage, Kauf und Montage der neuen Maschinen, Kauf neuer Software, Schulungen und so weiter. Da wird es irgendwann schwer zu sagen, ob und ab wann sich das rechnet. Auch wird es nicht einfach, geeignete Mitarbeiter zu finden, die sich mit dem Thema Automatisierung etc. auskennen. Insbesondere weil diese oftmals auch eine andere Vorstellung davon haben, wie sie arbeiten möchten. Da muss noch viel auf kultureller Ebene passieren. Ich muss netzwerken zulassen, Wissen teilen können. Das muss man den Mitarbeitern aber erst einmal vermitteln, dass sie auch Bewährtes in Frage stellen dürfen, um Dinge zu verbessern. Und die Mitarbeiter brauchen die Sicherheit, dass ihr Arbeitsplatz dadurch nicht in Gefahr ist.

Das heißt auch eine Kultur schaffen, die Fehler und Weiterentwicklung zulässt. Das ist natürlich ein schwieriger Prozess in Unternehmen, die seit Generationen nie anders gearbeitet haben.

Genau. Die Geisteshaltung zu belassen und nur die Digitalisierung zu benutzen, um die Arbeit noch schneller und effektiver zu machen führt in eine Sackgasse. Der Mensch ist dabei der begrenzende Faktor. Aktuelle Studien zeigen, dass der Stress in den Unternehmen mit der Digitalisierung immer mehr zunimmt. Folgen sind Burn Out, schlechte Work-Life Balance. Wenn ich das Home Office dazu missbrauche, den Mitarbeiter abends um 22 Uhr vom Sofa zu holen, ist das sicherlich der falsche Weg. Das liegt daran, dass die Art der Arbeit sich nicht geändert hat. Nur die Technik wurde schneller. Ich kann den Mitarbeiter in noch kürzerer Zeit mit mehr Mails befeuern. Aber vielleicht muss ich mir dann einmal Gedanken über die Kommunikationsart machen. Zum Beispiel, ob E-Mail als Kommunikationsplattform zur heutigen Art zu Arbeiten noch passt. Da gibt es effektivere Plattformen, die auch das Kollaborative unterstützen.

Netzwerke

Technisch sind wir weiter, wie sieht es aber mit der intellektuellen Entwicklung aus?

Apropos kollaborativ. Das setzt aber dann auch voraus, dass mehr Mitarbeiter miteinander sprechen, die bislang keinen direkten Kontakt hatten.

Klar. In Industrieunternehmen gibt es immer Leute, die in gewissen Prozessen eigentlich miteinander reden müssten, aber aufgrund ihrer Abteilungszugehörigkeit gar nichts miteinander zu tun haben. Wenn etwa der Monteur oder der Maschinenbediener feststellen, dass ein Prozess nicht optimal läuft, dauert das Ewigkeiten bis diese Information entlang des Organigramms bei den Entscheidern auf dem Tisch liegt. Dabei gehen Informationen verloren und werden Potenziale verschenkt. Und das hat man in Industrieunternehmen zuhauf. Auch wenn oft von flachen Hierarchien gesprochen wird, liegen diese de facto nicht wirklich vor.

Wem nützt denn eigentlich die Digitalisierung momentan am meisten?

Am meisten an Industrie 4.0 profitieren die Automatisierer, die Portalanbieter und Cloud-Dienste, eventuell Maschinenbauer, die Industrie 4.0-fähige Maschinen liefern und die Forschung. Letztendlich macht es aber gesamtgesellschaftlich keinen Sinn, die Produktion zu digitalisieren und den Rest eben nicht oder nur kaum. Bandbreite in Deutschland ist so ein Thema. Und bei der Digitalisierung in der Bildung stehen wir ganz schlecht da. Was wird gemacht? Es werden WLAN-Accesspoints in Schulen gebaut, aber keine Lehrpläne dahingehend geändert oder Kompetenzen bei den Lehrern aufgebaut. Es finden höchstens wieder rein technische Entwicklungen statt, aber keine auf intellektueller Ebene. Ich glaube, das Thema Industrie 4.0 wird an Bedeutung verlieren. Die Frage ist dann nur, ob die großen gesellschaftlichen Herausforderungen mit dem gleichen Eifer in Angriff genommen werden. Allen voran in der Bildung.

Vielen Dank für das Gespräch!

2018-02-05T08:24:59+00:00 31.01.2018|Branchen-Wissen|

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